Augmented Reality belebt PrintVeröffentlicht am: 31.10.2012
Text: Stefanie Hermann
Dass Ikea Kultstatus erreicht hat, darüber ist man sich weitgehend einig. Um diesen Status zu halten, ist man aber auch hier nicht davor gefeit, immer wieder in neuen Bahnen zu denken. Den neuen Katalog bezeichnet man selbst als „Quantensprung“. Von 2011 an war man bei Ikea Communtication (Icom) in Älmhut, Schweden, deshalb mit Tischlern, Fotografieren und Videodrehs beschäftigt. Etwas war diesmal aber anders. Diesmal geschah nicht alles, wie sonst üblich, in Eigenregie – diesmal lagerte man einen essentiellen Teil aus. Das Programmieren einer interaktiven Ikea-App, die den Katalog zum Leben erwecken sollte übernahm die Kreativagentur McCann. Von Anfang 2011 an arbeitete man auf ein Ziel hin: „the catalogue is alive“ sollte man zum fertigen Produkt sagen können. Eine erfrischende Wende nach der Vorgängerversion der App, die lediglich den aktuellen Katalog am Display erscheinen ließ und somit nicht mehr war als die digital Variante des Prints. Mit der neuen Version lädt man den User in die Welt der Augmented Reality ein und schafft so den Brückenschlag zwischen Print und Digital. Die Abschaffung des Printprodukts stand zu keinem Zeitpunkt zur Debatte. „Wenn man ein Magazin mit einer Auflage von 211 Millionen Stück im Umlauf hätte, würde man es auch nicht einfach abschaffen. Das wäre verrückt!“, erklärte Linus Karlsson, Global Chief Creativ Officer of McCann gegenüber dem Technik-Magazin Wired. Also versteht sich die App als zusätzliche Würze zum Printkatalog und ist dementsprechend auch als Ergänzung zum selben konzipiert.
Die Ikea-App Das Ergebnis der Weiterentwickung ist also eine kostenlose App, die einzelne Seiten im Katalog interaktiv werden lässt. Im Moment ist sie für Android ab Version 2.2 sowie für alle i-Modelle verfügbar. Am meisten Spaß macht sie aber natürlich am iPad, da man dort die größte Betrachtungsfläche hat. Aber wie funktioniert sie? Die App umfasst eine Scannfunktion, mittels derer einzelne, extra gekennzeichnete Seiten der Printversion zum Leben erweckt werden können. Alles was man dafür tun muss ist das Handy in ca. 20 Zentimeter Abstand über die Seiten schwenken. Störend sind dabei lediglich die schwarze Abgrenzung rund um die Scannfläche, die verhindern, dass die Displaygröße vollends ausgeschöpft wird. Das interaktive Konzept des Katalogs macht sich jedoch definitiv Neugierde und Spieltrieb des Betrachters zunutze. Da man nie im Vorhinein weiß, welches Feature man beim Betrachten zum Leben erwecken wird, gestaltet sich das Durchblättern als wahre Entdeckungsreise. Manchmal bekommt man nur ein paar weitere Bilder, manchmal ein Video zu sehen. Aber zeitweise erscheinen auch 3D Skizzen der betrachteten Möbelstücke oder man kann hinter die verschlossenen Türen eines Kastens sehen. „Wir haben den modernsten und innovativsten Katalog auf dem Markt. Darauf sind wir stolz“, sagt Urs Bucher Einrichtungshauschef Ikea Wien Vösendorf. Für das Unternehmen ergeben sich aus der Marketingidee mehrere Vorteile. Ist ein Produkt etwa nicht mehr verfügbar, kann dies direkt über die App kommuniziert werden. Der wichtigste Anstoß für die Aufwertung des Katalogs war jedoch mit großer Sicherheit seine geringe Halbwertszeit. Bei Ikea geht man davon aus, dass der Katalog im Schnitt nicht länger als zwei Wochen aufbewahrt wird. Auch der Traffic auf der Homepage des Unternehmens wird in den ersten drei Wochen nach Auslieferung generiert und nimmt danach deutlich ab. Mit der App hofft man nun den Katalog längerfristig interessant zu halten, stellt er doch das Tor zu immer wieder neu generierten Informationen und Hinweisen dar.
Augmented Reality im Marketing Ikea ist nicht das erste Unternehmen, das sich AR zu Marketingzwecken zunutze macht. Auch die im Katalog verwendeten Funktionen können einem durchaus bekannt vorkommen. Bereits 2008 stellte Nissan auf der LA Auto Show ein Verknüpfung von Printprodukten mit 3D-Modellen vor. BMW warb in England bereits mit einer AR-Software. Der Nutzer druckte hierfür ein bestimmtes Symbol aus, dass dann via Webcam erkannt wurde um auf dem Bildschirm eine Miniatur-Ausgabe des Z4 erscheinen zu lassen, mit dem auf dem Schreibtisch gefahren werden konnte. Die Kampagne von Mini verknüpfte Printwerbung mit einer interaktiven Online-Anwendung, um dem Betrachter ein 3D Modell des Mini Coopers in die Hand zu legen. Auch den Blick in die Schachtel ermöglichte bereits auch Lego. Ohne das Produkt öffnen zu müssen, lässt sich via AR eine 3D-Ansicht des fertig aufgebauten Modells simulieren. Eines steht jedoch vermutlich außer Frage: mit dem Ikea-Katalog hat man den nächsten Schritt geleistet, um AR nicht nur der breiten Masse vorzustellen, sondern die Technik auch als Standard zu etablieren.
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