Kreislaufwirtschaft in Corona-Nöten

Veröffentlicht am: 03.06.2020

Angesicht der wirtschaftlichen Auswirkungen der Covid-19-Krise warnt die Altstoff Recycling Austria AG (ARA) vor langfristigen Strukturschäden für die österreichische Recyclingbranche. Der Marktführer der Sammel- und Verwertungssysteme betont in einem Maßnahmenpaket die Bedeutung von Entsorgungssicherheit und Kreislaufwirtschaft und fordert Unterstützung für den Weiterbestand des österreichischen Recyclingsystems. Nur so könnten Entsorgungssicherheit und lokale Wertschöpfung gesichert werden.

Für die EU-Kreislaufwirtschaftsziele muss das Recycling von Kunststoffverpackungen bis 2025 verdoppelt werden, derzeit stehen jedoch 75 Prozent der Anlagen krisenbedingt still. Für 2019 bilanziert die ARA positiv: Mit rund 1,09 Millionen Tonnen gesammelten Verpackungen und Altpapier befindet man sich weiter auf Rekordniveau. „Wirtschaftsforscher und Politik sprechen von der größten Wirtschaftskrise seit 75 Jahren. Die Auswirkungen des Konjunktureinbruchs auf die Sammelsysteme und die Nachfrage nach Recyclingrohstoffen sind unübersehbar und gefährden das österreichische Recyclingsystem“, macht ARA Vorstand Christoph Scharff deutlich. „Wir müssen jetzt handeln. Wir müssen die Entsorgungssicherheit für die Bevölkerung, Gemeinden und Betriebe gewährleisten, den Erhalt von Arbeitsplätzen und Wertschöpfung sichern sowie Österreichs Wirtschaft weiterhin mit hochwertigen Sekundärrohstoffen versorgen. Bei all dem dürfen wir keinesfalls die Zukunft und unsere europäischen Kreislaufwirtschaftsziele aus den Augen verlieren: Umwelt- und Klimaschutz durch Ressourcenschonung. Unser Verpackungsrecycling liefert jährlich nicht nur rund 900.000 Tonnen Recyclingrohstoffe, sondern entlastet auch das Klima jedes Jahr um rund 700.000 Tonnen CO2-Äquivalente. Die in Österreich erfolgreich etablierte Kreislaufwirtschaft darf nicht der Corona-Pandemie zum Opfer fallen. Im Gegenteil: Wir müssen unsere langjährig aufgebauten, stabilen Recyclingstrukturen durch die Krise durchtragen, um aufbauend auf diesem Fundament weiterhin für die Herausforderungen der Zukunft gewappnet zu sein.“

Foto: ©ARA AG|APA-Fotoservice|Tesarek


Liquidität für Investitionen sicherstellen
Österreich ist im Recycling im europäischen Spitzenfeld und hat bereits heute die Zielvorgaben des EU-Kreislaufwirtschaftspakets 2025 für Verpackungen aus Papier, Glas und Metall erfüllt. „Kunststoff bleibt jedoch die große Herausforderung“, so ARA Vorstand Werner Knausz. Um die von der EU vorgeschriebene Recyclingquote von 50 Prozent Kunststoffverpackungen im Jahr 2025 zu erreichen, braucht es eine Verdopplung des Recyclings von aktuell 75.000 Tonnen auf 150.000 Tonnen in den kommenden vier Jahren. Dazu kommt die aktuell schwierige Situation der Kunststoff-Recyclingbranche. „Der durch die Krise bedingte Rohölpreisverfall, der enorme Kostendruck auf Unternehmen sowie der Stillstand ganzer Industrien führen aktuell zu einem Einbruch der Nachfrage von Recyclingrohstoffen. Es drohen der Verlust von Arbeitsplätzen, Insolvenzen sowie große Einbußen entlang der Wertschöpfungsketten. All das erschwert die Erreichung der EU-Ziele beträchtlich. Denn mittelfristig ist mit keiner Erholung zu rechnen und am Ende fehlen die notwendigen Mittel für Investitionen. Diese aber werden gerade jetzt dringend benötigt: Um die EU-Ziele 2025 zu erreichen, sind in den nächsten Jahren Investitionen zur Kapazitätssteigerung bei Sammlung, Sortierung und Recycling im Haushalts- und Gewerbebereich um jeweils 40 Prozent notwendig“, weist Knausz auf die prekäre Lage hin. „Deshalb brauchen wir jetzt rasche, effiziente und nachhaltige Unterstützung, damit die Kreislaufwirtschaft in Österreich nur wenige Monate verliert, aber nicht um Jahre zurückfällt.“

Für eine Zukunft der Kreislaufwirtschaft
Mitte April hat die Europäische Kommission in Reaktion auf die Covid-19-Pandemie die Abfallwirtschaft als essenzielle Dienstleistung eingestuft und die Mitgliedsstaaten auf staatliche Beihilfemöglichkeiten in Form direkter Zuschüsse hingewiesen. Die Kontinuität bei Entsorgungsdiensten sei von entscheidender Bedeutung für die Gesundheit, die Umwelt und die Wirtschaft. „Die österreichische Bundesregierung hat erste wichtige Schritte gesetzt und u.a. mit Hilfsfonds oder Fixkostenzuschüssen Unterstützung zugesichert. Wir begrüßen diese Initiativen und sind noch einen Schritt weiter gegangen. Auf Basis von Gesprächen mit BMK, WKO, IV, VOEB sowie Gemeindebund und Vertretern der Bundesländer haben wir ein ‚Resilienzpaket‘ geschnürt, das wir bereits an die Politik herangetragen haben. Es soll strukturelle Unterstützung für die Akteure der Branche bringen“, erklärt Scharff. Damit könnten Sammlung, Sortierung und Recycling aufrechterhalten und derzeit nicht absetzbare Sekundärrohstoffe zwischengelagert werden. Als weitere Konsequenz würden die Arbeitsplätze entlang der Wertschöpfungskette gesichert werden und ausreichend Recyclingrohstoffe beim (Neu-)Start den österreichischen Produktionsbetrieben zur Verfügung stehen.
„Mehr denn je brauchen wir nun den Schulterschluss zwischen Wirtschaft, Politik, Produzenten und Konsumenten, Entsorgungswirtschaft sowie Gemeinden“, appelliert ARA Aufsichtsratsvorsitzender Alfred Berger. „Denn der Weg aus der Krise und die Erfüllung der EU-Kreislaufwirtschaftsziele kann nur gemeinsam gelingen. Damit Österreichs Wirtschaft ihre Produzentenverantwortung auch in Zukunft wahrnehmen kann, braucht es eine funktionierende erfolgreiche Recyclingwirtschaft, die es mit allen notwendigen – auch finanziellen – Mitteln abzusichern und handlungsfähig zu halten gilt. Mit Blick auf die europäischen Zielvorgaben müssen wir die Kreislaufwirtschaft in Österreich nicht nur weiterführen, sondern ausbauen. Das wird ohne Planungssicherheit für Unternehmen sowie konsequente Weiterentwicklung nicht funktionieren. Wir brauchen jetzt die Investitionen, die den oftmals zitierten grünen Übergang unterstützen und uns im Klimaschutz im Sinne zukünftiger Generationen helfen.“

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Kommentar

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